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Vogelwohnort Kirchturm

Natur: Hoch oben in der Groß-Gerauer Stadtkirche nisten derzeit ein Wanderfalken- und ein Turmfalkenpaar

GROSS-GERAU.

Bernd Petri ist begeistert. Der Kreisvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) freut sich über den Erfolg, den Stadtkirchengemeinde, Nabu und Vogelwarte mit einer Aktion erzielt haben: Vor drei Jahren wurden Nisthilfen für Turmfalken, Wanderfalken, Fledermäuse, Mauersegler (die gerade erst aus dem warmen Süden zurückkommen) und Schleiereulen im Kirchturm installiert.

Hans Mundschenk aus Astheim hat die unterschiedlich großen Boxen gebaut, die Petri spaßhaft je nach Zuschnitt als Plattenbau oder Penthouse-Wohnung bezeichnet. Und in diesem Jahr hat nicht nur das Turmfalkenpärchen, das schon seit mehreren Jahren in der Stadt wohnt, fünf Eier in einen Nistkasten gelegt, sondern auch ein Wanderfalkenpaar nutzte das Angebot der ,,Luxuswohnung". Die Rufe des Weibchens sind seit ein paar Wochen deutlich auf dem Sandböhl zu hören.

Die Wanderfalken sind den Turmfalken voraus: Sie ziehen bereits drei Jungtiere auf, die in zwei bis drei Wochen ihre ersten Flugversuche unternehmen werden, wie Petri schätzt. Diese Reihenfolge sei auch gut, meint er. Denn wenn die Turmfalken ihre Jungen zuerst bekommen hätten, hätten diese wenig Überlebenschancen gehabt. Denn Vater Wanderfalke ist - während das Weibchen auf die Jungvögel aufpasst - fleißig auf der Jagd, um sich und seine Familie zu ernähren. Und während Turmfalken vor allem Mäuse fräßen, schnappten sich die größeren Wanderfalken auch Vögel. Zum Beispiel junge Haus- oder Brieftauben. Kirchenbesucher können derzeit manchmal Reste dieser Falken-Mahlzeiten vor dem Eingang auf dem Boden liegen sehen: Federn und Knöchelchen.

Die Kirchengemeinde, Pfarrer und Küsterin sorgen dafür, dass immer wieder gekehrt wird und sich niemand erschreckt. Doch der Dreck ist eher nebensächlich, denn der Ansiedlungserfolg zählt. Umso mehr, als Falken viele Jahre extrem vom Aussterben bedroht waren. Grund dafür war der Einsatz von Insektiziden in den sechziger und siebziger Jahren sowie die Nachstellung durch den Menschen, so Petri. 

Naturschützer hätten viel für das Überleben dieser besonderen Vögel - die im Sturzflug ihre Beute fangen und dabei laut Petri bis zu 250 Stundenkilometer schnell werden - getan, indem sie die Brutstätten permanent bewachten. Einer von diesen Aktiven sei zum Beispiel Jürgen Hoyer, der die Falken auf dem Zuckerfabrikgelände beschützte. Mittlerweile gebe es in Hessen gut 100 Brutpaare des Wanderfalken, wobei ein Schwerpunkt in Frankfurt (Hochhäuser) sei. Nisthilfen erfüllten bei der Wiederansiedlung ihren Zweck, so zum Beispiel auf dem Schornstein der Darmstädter Müllverbrennungsanlage. Und eben im Stadtkirchenturm.

Das Groß-Gerauer Wanderfalkenpaar, schätzt Bernd Petri, sei vom Südzuckergelände zur Kirche hinübergewandert, nachdem die Südzuckerfabrik abgerissen worden ist. Die Paare blieben zusammen, wenn sie sich einmal gefunden haben, und seien standorttreu. Im Kreis Groß-Gerau findet sich nach Angaben des Nabu-Vorsitzenden der nördlichste Lebensraum für Wanderfalken in Kelsterbach, der südlichste in Gernsheim (Malzfabrik).


(Groß-Gerauer Echo, 15. Mai 2010)

29.03.2011. 10:26

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